Presseschau vom 13. Februar 2008
Quelle:
http://www.focus.de/Datum: 13. Januar 2008
Referent: Sara Salvetti
Mit mehr als 60 Werken von Gerhard Richter, einem der bedeutendsten Künstlern unserer Zeit, will das Museum Frieder Burda in Baden-Baden Kunstfreunde in die Kurstadt ziehen. Vom 19. Januar bis 27. April 2008 sind nämlich die Bilder Richters aus den Jahren 1963 bis 2007 und aus mehreren privaten Sammlungen zu sehen. Außerdem wird Richter selbst für die Ausstellung Werke aus seinem persönlichen Besitz zur Verfügung stellen. In der Tat hat er selbst übernommen, die Baden-Badener Schau im Museum Frieder Burda zu kuratieren, um seine Bilder in einen spannungsvollen Dialog mit der Museumsarchitektur von Richard Meier zu bringen.
Gemeinsam mit Sigmar Polke und Georg Baselitz gehört der 75-jährige Richter zur „Dreifaltigkeit“ der deutschen Gegenwartskunst. Er ist auch im Ausland sehr berühmt. Zum Beispiel hat die britische Tageszeitung „Guardian“ ihn als „den Picasso des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet. Vor kurzem erzielte sein Gemälde „Abstraktes Bild“ mit rund vier Millionen Euro den höchsten Preis, der je für Richter auf einer Auktion gezahlt worden ist. Schließlich sorgte auch das jüngste größere Werk des gebürtigen Dresdners für Schlagzeilen: Aus rund 11 500 Glas-Quadraten in 80 verschiedenen Farbtönen schuf er ein 100 Quadratmeter großes Fenster für das südliche Querhaus des Kölner Domes.
Kommentar
Über die Ausstellung des Gesamtwerks von Gerhard Richter berichten mehrere deutschsprachige Zeitungen.
Die Zeit zitiert die Worte vom Künstler, der einmal sagte: „Ich mag alles, was keinen Stil hat: Wörterbücher, Fotos, die Natur, mich und meine Bilder. Denn Stil ist Gewalttat, und ich bin nicht gewalttätig“. Den Stil in Baden-Baden bestimmt allein er: Richter hat nämlich seine Bilder selbst aufgehängt.
Die Bemerkungen zum Stil sind auch ein wichtiger Aspekt des Artikels, den Die Welt der Ausstellung widmet. Auch diese Zeitung unterstreicht, dass Richter im Burda-Museum verschiedenartige Bilder nebeneinander hängen lässt, um zu zeigen, dass in seinem umfassenden Werk kein Stil einem anderen vorausgeht oder folgt. Die nicht chronologische Zusammenstellung des facettenreichen Werks Richters macht vor allem deutlich, dass sich die künstlerische Entwicklung des Malers jeglicher Kategorisierung entzieht. Es gibt nämlich Bilder unterschiedlicher Art: Städtebilder aus der Vogelperspektive, Landschaftspanoramen, eine Serie grauer Monochromien, ein bisschen Pop-Art aus dem Frühwerk Richters wie „Neuschwanstein“ (1963) oder „Motorboot“, u.s.w.
Der Tagesspiegel vermittelt dagegen wertvolle Informationen zum Fenster des Kölner Domes, das Richter entworfen hat. Hier leuchten 11250 gläserne Quadratfelder von 9,7 mal 9,7 Zentimetern Größe, die nach dem Computerwürfelprinzip entstanden. Richters rein abstrakte Gestaltung nach dem Zufallsprinzip stieß unter Klerikern auf Kritik. Gewünscht war die Darstellung von Märtyrern des 20. Jahrhunderts, darunter Edith Stein, Maximilian Kolbe, Karl Leisner. Richter nach verbindet
sich die Darstellung von Märtyrern aus dem Dritten Reich zu stark mit konkreten historischen Bildern. Deshalb funktioniert eine Erhebung in den Kanon der Heiligen zumindest auf Kirchenfenstern nicht.
Hintergrundsinformationen
Gerhard Richter (* 9. Februar 1932 in Dresden) ist einer der bedeutendsten Maler der Gegenwart.
Er wuchs in Reichenau (heute Bogatynia) und Waltersdorf in der Oberlausitz auf. 1948 beendete er die höhere Handelsschule in Zittau mit der Mittleren Reife und wurde dort von 1949 bis 1951 zum Schriften- sowie Bühnen- und Werbemaler ausgebildet. 1951 tritt er sein Studium an der Kunstakademie in Dresden an. Von 1957 bis 1961 arbeitete Richter als Meisterschüler an der Akademie und übernahm Staatsaufträge der DDR. In dieser Zeit entstand ein umfangreiches Werk an Wandbildern (z. B.„Arbeiterkampf“), Ölgemälden (Portraits von Angelica Domröse, Richters erster Ehefrau Ema sowie das „Stadtbild“ von Dresden) und Zeichnungen (z. B. Selbstportraits). Ende Februar 1961 floh Gerhard Richter über West-Berlin nach Westdeutschland. 1964 erhielt Richter die Gelegenheit zur ersten Einzelausstellung und wurde bald in vielen in- und ausländischen Galerien sowie Museen präsentiert. Gerhard Richters internationale künstlerische Anerkennung stieg in den folgenden Jahren. so dass ihm in den Jahren 1993/1994 eine umfassende Retrospektive mit Stationen in Paris, Bonn, Stockholm und Madrid gewidmet wurde. 2002 feierte ihn das Museum of Modern Art, New York, anlässlich seines 70. Geburtstags mit einer umfassenden Retrospektive.
Gerhard Richter begann seine malerische Praxis im Westen mit einer kurzen Phase, in der er praktisch alle aktuellen Ausdrucksformen und Stile der modernen Malerei erprobte. Einflüsse bezog er auch aus der Pop Art, aus dem Abstrakten Expressionismus, aus Neo-Dada und Fluxus. Die enge Zusammenarbeit mit anderen Künstlern hat Einfluss auf seine künstlerischen Positionen gehabt. So kooperierte Richter während der ersten Hälfte der 1960er Jahre mit Sigmar Polke, Konrad Lueg und Manfred Kuttner. Mit ihnen kreierte er den „Kapitalistischen Realismus“, der den
Sozialistischen Realismus, die offizielle Kunstdoktrin der damaligen sozialistischen Länder, ironisierte und die westliche Konsumgesellschaft kritisch reflektierte.
Für die Südquerhausfassade des Kölner Doms entwarf er ein 113 m² großes Fenster aus 11.500 Quadraten aus mundgeblasenem Echt-Antik-Glas in 80 unterschiedlichen Farben. Die Anordnung
der einzelnen Farbflächen wird mittels eines Zufallsgenerators elektronisch generiert.