Montag, 7. April 2008

Auch Italien erregt sich über „entartete Kunst“

Presseschau vom 21. 11 2007

Quelle: Welt.de

Datum: 2. 11 2007

Referent: Elena Zacco


Der Artikel bezieht sich auf einen Bericht und auf einige Fotos, die in der italienischen Zeitung „Giornale“ erschienen. Der südamerikanische Künstler Vargas hat einen Straßenhund in einer Galerie angebunden und ihn verhungern lassen. Die Fotos zeigen diesen abgemagerten Straßenhund, der sich unter den Augen der Zuschauer vergeblich nach einem Napf mit Futter abquält aber er ist unfähig, ihn zu erreichen.

Die italienische Zeitung nannte diese grauenhafte Szene „entartete Kunst“. Aus diesem Grund stellt das deutsche Blatt zwei Fragen, das heißt warum der italienische Artikel das Goebbels-Unwort benutzt und ob ein toter Hund Kunst ist.

Goebbels war der Nazi-Propagandaminister, und die Nazizeit hatte eine ausgezeichnete Propagandamaschine. Millionen Deutsche folgten im Dritten Reich dem Propaganda-Feldzug Goebbels. Unter einem solchen Blick entpuppt sich aber auch der Slogan „entartete Kunst“ zuerst einmal als eine weitere geniale Wortschöpfung des Reichspropagandaministers. Vor 70 Jahren eröffnete Goebbels in München eine Ausstellung, deren Namen „entartete Kunst“ war. Bis in den Krieg hinein, bis 1941, zog sie über 3 Millionen Besucher an. Es war ein Erfolg, mit dem viele Deutsche viele Künstler der Moderne zum ersten mal kennen lernten.

Der Begriff „entartete Kunst“ wird in Italien nicht in dem selben Sinn wie in Deutschland angewendet. „Entartete Kunst“ bedeutet hier „degenerierte Kunst“. Die Frage ist, wo die Grenze ist. Das Werk von Vargas wird im Jahr 2008 auf der Biennale in Venedig ausgestellt und es hat gute Aussichten, den Ruhm des Künstlers zu vermehren. Aber da wird es auch andere strittige Werke geben, z. B. Ratzinger im Slip, aufgehängte Babies, ein nackter Gekreuzigter aus Schokolade oder eine weinende Madonna mit Spermatropfen. Aber ist das Kunst? Vielleicht was als Kunst beschrieben wird, ist sehr oft nur eine schlichte Provokation. Man darf nicht mehr diesen Tinnef als Kunst im klassischen Sinn begreifen.


HINTERGRUNDINFORMATION

Die Ausstellung "Entartete Kunst" wurde am 19. Juli 1937 in München eröffnet und zeigte 650 konfiszierte Kunstwerke aus 32 deutschen Museen. Bis April 1941 wanderte sie in zwölf weitere Städte. Die Ausstellung wurde von Joseph Goebbels initiiert und von Adolf Ziegler (1892-1959), dem Präsidenten der Reichskammer der bildenden Künste, geleitet.

Als "Entartete Kunst" galten im NS-Regime alle Kunstwerke und kulturellen Strömungen, die mit dem Kunstverständnis und dem Schönheitsideal der Nationalsozialisten nicht in Einklang zu bringen waren: Expressionismus, Impressionismus, Dadaismus, Neue Sachlichkeit, Surrealismus, Kubismus oder Fauvismus. Als "entartet" galten u.a. die Werke von George Grosz, Ernst Ludwig Kirchner, Max Ernst, Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein, Paul Klee, Otto Griebel oder Ernst Barlach. In der Ausstellung "Entartete Kunst" wurden ihre Exponate mit Zeichnungen von geistig Behinderten gleichgesetzt und mit Photos verkrüppelter Menschen kombiniert, die bei den Besuchern Abscheu und Beklemmungen erregen sollten. So sollte der Kunstbegriff der avantgardistischen Moderne ad absurdum geführt und moderne Kunst als "entartet" und als Verfallserscheinung verstanden werden. Diese Präsentation "kranker", "jüdisch-bolschewistischer" Kunst diente auch zur Legitimierung der Verfolgung "rassisch Minderwertiger" und politischer Gegner. Parallel zur "Entarteten Kunst" zeigten die Nationalsozialisten in der "Großen Deutschen Kunstausstellung" im Münchner "Haus der Deutschen Kunst", was man unter "deutscher" Kunst zu verstehen habe.

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